Brot muss man essen, um satt zu werden!

Gastbeitrag von Manfred Barnabas Loevenich SJB


Das kleine Kirchenbuch, in Verbindung mit der Lutherischen Liturgischen Konferenz zusammengestellt von Edith Thomas, mit Bildern von Christian Rietschel

Dieses 1953 im Johannes Stauda-Verlag Kassel herausgegebene wunderbare Büchlein wurde im engeren Sinne für Kinder geschrieben. Ihnen soll darin die Schönheit der Liturgie vermittelt werden; es will die Liebe zum liturgischen Vollzug der Kirche wecken und dessen tieferes Verständnis fördern.

Allerdings ist Das kleine Kirchenbuch auch für Erwachsene und selbst für Theologen äußerst lesenswert. Denn es lenkt den Blick auf wesentliche Aspekte des Gottesdienstes (in diesem Fall des lutherischen Hauptgottesdienstes, der Messe). Sein Inhalt ist – selbstverständlich mit Akzentverschiebungen in Praxis und Lehre – auch für Katholiken sowie für Christen anderer Konfessionen informativ und geistlich wertvoll.

Ich habe das Buch antiquarisch „ergattern“ können. Gestern ist es mir mit der Post geliefert worden und die Freude darüber ist groß. Den Hinweis auf das Buch verdanke ich einem Freund bei Facebook, dem ich dafür herzlich dankbar bin. Er hatte es dort vor kurzem in einer „Sieben-Tage-Sieben-Lieblingsbücher-Challenge“ präsentiert.

Das Besondere an diesem bald siebzig Jahre alten Büchlein besteht für mich u.a. darin, dass hier in einer gläubigen Selbstverständlichkeit und tiefen Ehrfurcht über die Liturgie gesprochen wird, wie sie heute selten geworden sind: sowohl bei evangelischen als auch bei katholischen „Teilnehmenden“ am Gottesdienst – und leider oft genug auch bei den Liturgen selbst.

In den vergangenen Wochen ist mir angesichts der Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie schmerzlich bewusst geworden, wie „verzichtbar“ der Gottesdienst und namentlich die Eucharistie hierzulande in vielen Gemeinden, bei Geistlichen, Bischöfen und Kirchenleitungen unterschiedlicher Prägung zu sein scheint.

Wie anders, „hell strahlend“ und direkt ansteckend scheint demgegenüber die besondere Hochachtung vor der Heiligen Eucharistie – dem lebendigen Christus in Leib und Blut – in diesem kleinen Bändchen für Kinder auf. Dort heißt es:

„Der Heiland hat von Sich gesagt: Ich bin das Brot des Lebens. Brot muss man essen, um satt zu werden. Den Herrn Jesus bewundern wie einen großen Mann, hilft uns nichts.

Wir müssen Ihn in unser Herz aufnehmen, wie wir das Brot mit unserem Munde empfangen. In dem Stücklein Brot, in dem Schluck Wein ist Er Selbst uns gegenwärtig, der gestorbene und auferstandene Heiland.“

In Verbindung mit diesem Zitat habe ich meine Neuerwerbung bei Facebook vorgestellt, und bekam darauf viel positive Resonanz. Die Reaktion eines Pfarrers im Ruhestand hat mich besonders gefreut. Sie hat mir gezeigt, dass ich mit meiner Einschätzung nicht alleine stehe. Er schreibt:

„Danke für diesen Hinweis auf Das kleine Kirchenbuch von Edith Thomas, das noch immer einlädt das Geheimnis der Gegenwart Gottes in der Eucharistie in Liebe und Ehrfurcht zu feiern, gerade jetzt in der Corona-Krise.“

Dies macht Hoffnung und stimmt mich zuversichtlich – gerade auch im Blick auf die hohen Feste Christi Himmelfahrt und Pfingsten, die wir in diesen Tagen feiern.

Krippe und Kreuz: Gott kommt zu uns!

Gedanken im Advent (aus 2016) – Gastbeitrag von Manfred Barnabas Loevenich SJB

„Als die Zeit reif war, sandte Gott Seinen Sohn. Als Mensch geboren und dem Gesetz untergeordnet, erlöste Er uns vom Zwang des Gesetzes, damit wir Gottes Kinder werden“, schreibt der heilige Apostel Paulus an die Galater. So zitiert ihn auch das zeitgenössische Paulus-Oratorium „Lass dir an meiner Gnade genügen“ (1973) von Siegfried Fietz und Johannes Jourdan. Weiter heißt es dort in einem Lied:

Gott kommt zu uns,
Er kommt herab von Seinem ew’gen Thron.
Gott kommt zu uns,
und wird uns gleich in Jesus, Seinem Sohn.

 (…) Gott kommt zu uns,
wir müssen nicht mehr zweifelnd nach Ihm fragen.
Gott kommt zu uns,
um Seine Gnade allen anzusagen.

 (…) Gott kommt zu uns,
die Krippe und das Kreuz sind Seine Zeichen.
Gott kommt zu uns,
und unsre Trauer soll der Freude weichen.

In diesen Tagen so kurz nach dem verheerenden Terroranschlag an der Berliner Gedächtniskirche hört man im vielfältigen, teils erschreckenden Stimmengewirr auch Äußerungen, wie diese: Der Terroranschlag sei brutal eingebrochen in die „besinnliche, vorweihnachtlich-friedliche“ Stimmung, ja er habe diese nachhaltig zerstört: „Wie kann man jetzt noch Weihnachten feiern?“

Nun, es stimmt. Der Anschlag hat unsere Gesellschaft tatsächlich empfindlich getroffen, verwundet, verunsichert. Und das lag wohl auch in der Absicht des oder der Attentäter. Aber was hat es auf sich mit dieser „friedlichen Weihnachtsatmosphäre“, die nun, wie es heißt, so empfindlich gestört oder zerstört wurde?

„Als die Zeit reif war, sandte Gott Seinen Sohn.“ Wir erwarten Sein Kommen – nur, dass dieses Kommen wenig gemein hat mit einer oberflächlichen und vermeintlichen Idylle, die sich lediglich äußerlich orientiert am weihnachtlichen Geschehen, wie die Bibel es uns berichtet und wie die Kirche es feiert.

Im Advent 1944 schrieb P. Alfred Delp SJ (1907-1945) in der Haft, nur wenige Wochen vor seiner Hinrichtung am 2. Februar 1945:

Gott ist mit uns: so war es verheißen, so haben wir geweint und gefleht. Und so ist es (…) Wirklichkeit geworden: ganz anders, viel erfüllter und zugleich viel einfacher als wir meinten. Gott wird Mensch. (…) Lasst uns dem Leben trauen, weil wir es nicht allein zu leben haben, sondern Gott es mit uns lebt.

Ist darin nicht bereits die Antwort gegeben, wo und wie der Ausweg zu finden ist aus der lähmenden Wut, Angst und Ohnmacht, unter der auch viele Christen angesichts der unbegreiflichen Gewalttat in Berlin leiden?

Wenn der Mensch Gott erkennt, ohne sein Elend zu erkennen,
verfällt er dem Stolz.

Erkennt er sein Elend, ohne Gott zu erkennen,
verfällt er der Verzweiflung.

Durch die Erkenntnis Jesu Christi stehen wir in der Mitte,
denn darin finden wir sowohl Gott wie auch unser Elend.

Blaise Pascal (1623-1662)

Erwarten wir Jesus, den Christus, trotz – und mitten in – aller Not, Angst, Gewalt und Verzweiflung, dann vermögen wir wirklich adventliche Menschen zu sein, die mit Gott rechnen und von Ihm her leben. Dann feiern wir das Fest der Menschwerdung Gottes tiefer, wahrhaftiger, froher und glaubwürdiger, als die ganze Medien- und Konsum-Maschinerie es uns nahelegt und aufdrängen will. Wer etwas genauer hinsieht und hinhört, entdeckt bald Spuren dieses anderen Advents: nicht des lauten Advents mit Kling-Glöckchen und greller Werbung, sondern der verhaltenen, leisen aber starken, tiefen und erwartungsfrohen Vorfreude – die den unauflösbaren Zusammenhang von Krippe und Kreuz nicht verleugnet, sondern darin den eigentlichen und tiefsten Grund zur Freude erkennt.

Viele Adventslieder wissen um diesen Zusammenhang und besingen ihn in deutlichen Bildern. Vielleicht überhören wir das zu schnell? – Nehmen wir uns doch hier die Zeit, einige Liedtexte kurz zu bedenken:

„Gott will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt …“ Kaum ein Liederdichter der jüngeren Vergangenheit hat die Ambivalenz und den Reichtum der Weihnachtsbotschaft so tief erfasst und im eigenen Leben erfahren, wie Jochen Klepper (1903-1942). Die Tragik seiner Lebensgeschichte spricht hier für sich. Das Lied „Die Nacht ist vorgedrungen“ (GL 220 / EG 16) drückt dieses Glaubenswissen aus:

Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein.
Der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein.

Strophe 1

Das Kommen des Heilands, die Menschwerdung des Gottessohnes, löst das Böse in der Welt nicht auf, sondern eröffnet den Ausweg hin zur wahren Errettung und Erlösung:

Noch manche Nacht wird fallen auf Menschenleid und -schuld.
Doch wandert nun mit allen der Stern der Gotteshuld.
Beglänzt von Seinem Lichte, hält euch kein Dunkel mehr,
von Gottes Angesichte kam euch die Rettung her.

Gott will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt.
Als wollte Er belohnen, so richtet Er die Welt.
Der Sich den Erdkreis baute, der lässt den Sünder nicht.
Wer hier dem Sohn vertraute, kommt dort aus dem Gericht.

Strophe 4 und 5

Ganz ähnlich klingt es bei Paul Gerhardt (1607-1676):

Ich lag in schweren Banden, Du kommst und machst mich los;
ich stand in Spott und Schanden, Du kommst und machst mich groß
und hebst mich hoch zu Ehren und schenkst mir großes Gut,
das sich nicht lässt verzehren, wie irdisch Reichtum tut.

Auch dürft ihr nicht erschrecken vor eurer Sünden Schuld;
nein, Jesus will sie decken mit Seiner Lieb und Huld.
Er kommt, Er kommt den Sündern zu Trost und wahrem Heil,
schafft, das bei Gottes Kindern verbleib ihr Erb und Teil.

„Wie soll ich dich empfangen“ (EG 11), Strophe 4 und 8

Auch Friedrich Spee von Langenfeld (1591-1635) weiß um die tiefe Not und Sehnsucht wie auch die Erfüllung der adventlichen Erwartung.

Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt,
darauf sie all ihr Hoffnung stellt?
O komm, ach komm vom höchsten Saal,
komm, tröst’ uns hier im Jammertal.

Hier leiden wir die größte Not
vor Augen steht der ewig’ Tod.
Ach komm, führ uns mit starker Hand
vom Elend zu dem Vaterland.

„O Heiland, reiß die Himmel auf“ (GL 231 / EG 7), Strophe 4 und 6

Überhaupt blendeten die Christen früherer Zeiten in ihrer Adventsfreude das Leid und die Not des Menschen, die Sünde und den Tod nicht aus. Im Gegenteil! Gerade diese bedürfen ja so dringend der Erlösung durch das Kommen Gottes in diese Welt: „Et incarnatus est“, Er kam „in unser Fleisch“. Das Kind in der Krippe gibt es nicht als heimelige Idylle, Verdrängung und Illusion, sondern handfest, konkret, lebendig:

Und wer dies Kind mit Freuden umfangen, küssen will,
muss vorher mit ihm leiden groß Pein und Marter viel,

danach mit Ihm auch sterben und geistlich aufersteh’n,
das ewig’ Leben erben, wie an Ihm ist gescheh’n.

„Es kommt ein Schiff geladen“ (GL 236 / EG 8), Strophe 5 und 6, von Daniel Sudermann (um 1550-1631), vermutlich nach Johannes Tauler (um 1300-1361)

In dieser Erkenntnis liegt der eigentliche Trost, auch und gerade in Tagen wie diesen: „Gott kommt zu uns, die Krippe und das Kreuz sind Seine Zeichen. Gott kommt zu uns, und unsre Trauer soll der Freude weichen!“

Die Sünde hassen, den Sünder lieben

Gastbeitrag von Manfred Barnabas Loevenich SJB

“Als ob Liebe zur Menschheit und Hass auf Unmenschlichkeit nicht miteinander vereinbar wären!“

So konstatiert der englische Schriftsteller Gilbert Keith Chesterton (1874-1936), der einer breiteren Öffentlichkeit heute vor allem durch die Kriminalromane um die Figur “Pater Brown” bekannt ist. In der 1908 erschienenen Essay-Sammlung “Orthodoxy” merkt der damals 34 Jahre alte Roman- und Theaterautor, Essayist, Dichter und Apologet, der 1922 zur Römisch-Katholischen Kirche konvertierte, weiter an:

“Altruisten mit dünnen, schwachen Stimmchen schimpfen Christus einen Egoisten. Egoisten (mit noch dünneren, schwächeren Stimmchen) schimpfen ihn einen Altruisten. Im Klima unserer Zeit sind solche Kritteleien verständlich genug.

Die Liebe eines Heiligen ist furchtbarer als der Hass eines Tyrannen. Der Hass eines Heiligen ist großherziger als die Liebe eines Philanthropen. Es gibt eine ungeheure, heroische Heiligkeit, von der die Heutigen nur mehr Splitter zusammenlesen können. Es gibt einen Riesen, dessen abgehackte Arme und Beine wir umherwandeln sehen.

Sie haben die Seele Christi in alberne Streifen zerrissen und ihnen das Etikett Egoismus und Altruismus angeheftet; seine wahnwitzige Gestalt stellt sie eben so sehr vor Rätsel wie seine wahnwitzige Sanftmut.

Da sie ihn aber gekreuzigt hatten, teilten sie seine Kleider und warfen das Los darum; der Rock aber war ungenäht, von oben an gewebt durch und durch.”

Quelle: Gilbert Keith Chesterton, Orthodoxy (1908); hier zit. nach: Ders., Orthodoxie, Eine Handreichung für die Ungläubigen, Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2000; neu übersetzt von Monika Noll und Ulrich Enderwitz, Fe-Medienverlag, Kißlegg 2015, S. 93-94.

Christus reinigt den Tempel, Gemälde von Bernardino Mei, um 1655, Getty Center Los Angeles

Heute ist der Begriff “Hass” generell diskreditiert, aber zu Recht? Im 54. Kapitel der Regel des heiligen Benedikt von Nursia (um 480-547) werden – exemplarisch am Vorbild des Abtes – die Maximen verantwortlichen Handelns dargelegt.

Dort heißt es (Regula Benedicti (RB) 64,7-11):

“Der eingesetzte Abt bedenke aber stets, welche Bürde er auf sich genommen hat und wem er Rechenschaft über seine Verwaltung ablegen muss. Er wisse, dass er mehr helfen als herrschen soll. Er muss daher das göttliche Gesetz genau kennen, damit er Bescheid weiß und einen Schatz hat, aus dem er Neues und Altes hervorholen kann. Er sei selbstlos, nüchtern und barmherzig. Immer gehe ihm Barmherzigkeit über strenges Gericht, damit er selbst gleiches erfahre. Er hasse die Fehler, er liebe die Brüder. Muss er aber zurechtweisen, handle er klug und gehe nicht zu weit …”

An anderer Stelle der Regel des heiligen Benedikt, in Kapitel 4 bei den “Werkzeugen der geistlichen Kunst” – heißt es ganz grundsätzlich: “Niemanden hassen.” (RB 4,65)

“Hass” nicht gegen Personen, aber angesichts eines verkehrten Zustandes (Fehler, Ungerechtigkeit, Lieblosigkeit oder etwa, wie in RB 4,60 gegenüber dem “Eigenwillen”) ist also bei St. Benedikt durchaus nicht verboten, sondern vielmehr geboten. Er ist die spiegelbildliche Seite der (leidenschaftlichen!) Liebe zum Guten.

Dies ist ein interessanter Gedanke in einer Zeit, in der “Hass” (“hate”) per se zum K.O.-Kriterium erhoben wird.

Orientierung – gemeinsam IHN anschauen

Gastbeitrag von Manfred Barnabas Loevenich SJB


Wer hätte gedacht, dass sich ausgerechnet beim Autoren des „Kleinen Prinzen“ ein gutes Argument für die gemeinsame Feier der Heiligen Messe „ad orientem“ finden lässt? …

„Die Erfahrung lehrt uns, dass Liebe nicht darin besteht, dass man einander ansieht, sondern dass man gemeinsam in gleicher Richtung blickt.“

Antoine de Saint-Exupéry: Wind, Sand und Sterne (1941), S. 216.

Im französischen Original:

„l’expérience nous montre qu’aimer ce n’est point nous regarder l’un l’autre mais regarder ensemble dans la même direction.“

Antoine de Saint-Exupéry: Terre des Hommes (1939), S. 225.

Bild: Sogenannte Gregorsmesse, Mitteltafel des Gregoriusretabels aus Kloster Heisterbach, rheinisch (Meister der Heiligen Sippe und Werkstatt) um 1495 bis 1505, Wallraf-Richartz-Museum Köln; verschiedene Teile des Altarretabels auf dem Kirchenlehreraltar des Zisterzienserklosters Heisterbach sind heute auf Museen in Bamberg, Köln und München verteilt (http://gregorsmesse.uni-muenster.de/objektanzeige.php).

Think positive?

Gastbeitrag von Manfred Barnabas Loevenich SJB


Ich habe immer größere Schwierigkeiten mit Aussagen christlicher Autoren und zeitgenössischer Kirchenvertreter, die suggerieren, der Glaube bedeute, das Gute durch „Daran-Glauben“ zu bewirken, zu erfahren, nachgerade zu beschwören. Bei näherer Betrachtung handelt es sich dabei doch um eine Art selbsterfüllenden Automatismus. Ist das noch der christliche Fides-Glaube? Oder ist das bereits ein schamanistisches Ritual oder eine psycho-mechanische Autosuggestions-Technik?

Dazu beispielhaft ein Zitat des von mir durchaus sehr geschätzten Søren Kierkegaard:

„Glauben heißt, beständig das Frohe, Glückliche, Gute zu erwarten.“

Und nun? Was bedeutet das? Wenn ich diesen Satz nur isoliert sehe (was als Absicht Kierkegaard nicht zu unterstellen ist), dann handelt es sich um eine selbsterzeugte Wahrheit, die mit der Hilfe von Zauberworten (oder Zaubergedanken, Wunschdenken) herbeigeführt werden soll. Doch dann ist der Weg zu einem „positiven Denken“, das im Denken schon die Erfüllung impliziert, und diese autonom, quasi-schöpferisch „erzeugen“ will, nicht mehr weit. Und in dieser Hinsicht unterscheidet sich eine solche Psychotechnik kaum von der Botschaft östlich inspirierter, esoterischer Glücksversprecher. Auch dazu ein Beispiel:

„You should think positive, send out love, strongly believe in the good, strongly believe that you are the creator of the universe.” (satsang.ch)

Da wiederum rückt das auch in kirchlichen Zusammenhängen empfohlene „Glauben“ im Sinne eines „positiven Denkens“ sehr in die Nähe nicht- und widerchristlicher Weltanschauungen. Wenn nicht der lebendige, personale Christus selbst „Gegenstand“ und „Gegenüber“ meines „Glaubens“ ist, dessen Grundlage und Ziel, Initiator und Empfänger, dann ist dieser „Glaube“ weder hilfreich noch zielführend, sondern bleibt der hinfällige Ausdruck eines Wunsches nach Selbst-Erlösung. Der Mensch bleibt auf sich selbst bezogen, allein auf seine eigene Vorstellungs- und Willenskraft zurückgeworfen, in sich selbst verbogen, verkrümmt. In letzter Konsequenz entfernt diese falsche Ausrichtung auch den „gutmeinenden“ Gläubigen von Christus und vom Dreieinigen Gott.

Und so heißt es dann auch folgerichtig (und ehrlicher, als in vielen vordergründig christlichen Ratgebern) auf der Homepage von satsang.ch:

„Satsang ist die unmittelbare Begegnung mit deinem wahren Selbst, dem Sein. Einheit, die in dieser dualen Welt das Spiel des Getrenntseins spielt, feiert im Satsang sich selber. (…) Im Satsang steht dein wahres Ich, das Sein, im Mittelpunkt. (…) Im Satsang wird dein Verstand enttäuscht werden, da er dort nichts finden kann, das er mitnehmen und aufbewahren kann. (…) Nichts kann dem hinzugefügt werden, was bereits vollständig ist. Im Satsang wird dir diese Tatsache immer und immer wieder vor Augen geführt. Bis der Verstand aufgibt und die unpersönliche Erkenntnis auftaucht, dass das, was die ganze Zeit gesucht wurde, immer da war.“

Ein göttliches Gegenüber aber wird – hier wie dort – überflüssig. Im „Satsang“ etwa wird das personale göttliche Gegenüber explizit negiert, in ein Nichts aufgelöst:

„Im Satsang zeigt Einheit der Einheit die Absurdität des Spiels des Getrenntseins auf.“

Keine Dualität! Kein Gegenüber! Kein Gott! Keine Erlösung!

Dies wäre – das ist! – auch die Konsequenz aller „christlich“ sich gebärdenden Heilsversprechen, die schlussendlich doch ganz ohne Christus und ganz ohne den allmächtigen, allgegenwärtigen, all-liebenden Gott auskommen. Hauptsache, ich liebe mich selbst! Dann aber – konsequent zu Ende gedacht – muss ich mich auch selbst erretten, selbst erlösen. Nur diese Wahrheit enthalten einem die unseligen Heilsversprecher vor. Da sind sie, sofern sie sich noch christlich nennen, nicht ehrlich, nicht konsequent.

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Abbruchkommandos in der Kirche

Gastbeitrag von Manfred Barnabas Loevenich SJB

Für mich sind die nachfolgenden Worte von Ida Friederike Görres (1901-1971) eine kluge, hellsichtige Zustandsbeschreibung, ein großes Vermächtnis und ein aufrüttelnder Appell an die Nachgeborenen: also an uns. Jeder Satz trifft ins Schwarze, verletzt und tut anhaltend weh! Ich wünsche mir, es möge ein „Heilungsschmerz“ sein, und dass aus den mannigfaltigen Wunden unserer Kirche — meist sind es ja selbstzugefügte Wunden — Heilung, Genesung und neues, gesundes Leben erwachsen.

„Romano Guardini sprach vom Erwachen der Kirche in den Seelen. Heute droht schon wieder das Ersterben, weil jener Satz, zum Slogan isoliert, vielfach auf die bloßen Zeitgenossen isoliert wird, abgelöst von dem ungeheuren geschichtlichen Großgebilde, das in den Tagen der Apostel wurzelt und den jüngsten Tag erwartet und das allein den Namen »Kirche« beanspruchen darf.

Nicht das Laub eines Sommers kann den Lebenslauf eines alten Baumes bestimmen, noch seine bisherige Entfaltung richten und verwerfen. Nicht in seinen Blättern steckt das Gesetz, nach dem er angetreten.

Aber viele Zeitgenossen, unbewusst der existenzialistischen Idee der freien Selbstsetzung des Menschen verfallen, übertragen das auch auf die Kirche und träumen von ihrer totalen Umgestaltung nach kurzlebigen Modellen.“ Aus diesen bösen Träumen wurde binnen kürzester Zeit eine erschreckend banale, profane Wirklichkeit!

„Das Konzil war die große, verheißungsvolle Aussat — jetzt sehen wir vieles Bestürzendes aufwachsen, Giftiges, das die erste Frucht zu ersticken droht. Ja, das Unkraut wuchert oft prächtig, viel eindrucksvoller als das alljährlich gleiche fade Saatengrün. […]

Freilich ist der Wust und Schmutz, den die Abbautruppen anrichten, viel lauter und sichtbarer als die erst schüchtern keimenden »verborgenen Gärten und Pflanzungen«, an denen der andere — ich fürchte, viel kleinere — Teil des Nachwuchses schafft. Ihnen, die daran sind, die uneingelösten Verheißungen unserer Jugend zu erfüllen, schlafende Möglichkeiten der Kirche zu wecken und zu formen, gehört dafür unser ganzes Herz. Für sie — und nicht nur für sie! — haben wir, die Alten, die Abtretenden, Grundrisse und Keime zu bewahren, die heute ins Vergessen gleiten.“

Und so schreibt Ida Friederike Görres 1970 in fast prophetischer Klarheit: „Vielleicht ist schon eine übernächste Generation [— das wären die Jungen von heute! —] der Zerstörungsfreude ihrer eigenen Väter überdrüssig und sucht nach Material zum Bau der Zeitenbrücke zwischen dem Früher und ihrem Jetzt. Die Entwicklung geht ja nicht so geradlinig und eingleisig, wie man gerne tut, sondern in Zickzack und Spiralen. An der nächsten Kehre muss das Alte, Wahre wieder vorhanden sein, deutlich und greifbar für die Suchenden, nicht im Müllschlucker zermahlen.“

Ida Friederike Görres: Im Winter wächst das Brot, Einsiedeln 1970, S. 32-33, 35, 39.

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„Überspringen von Raum und Zeit“ oder politischer Zeitbezug?

Altarstein

Altarstein – (By ViennaUK (Own work) [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia

Ein Gastbeitrag von Manfred Barnabas Loevenich SJB – Kommentar zu „Flüchtlingsboot soll Altar werden

„Der Altar ist der zentrale Ort einer katholischen Kirche. Er ist das Christussymbol schlechthin. Darauf weisen auch die fünf Weihekreuze auf dem Altar. Bei der Altarweihe werden sie mit Chrisamöl und Weihrauch verfüllt, die angezündet werden. Die fünf brennenden Kreuze symbolisieren die fünf Wundmale des Gekreuzigten. Auf diese Weise wird die Vergegenwärtigung des Kreuzesopfers Jesu Christi auf dem Altar erinnert. Vergegenwärtigung ist mehr als bloß Erinnerung; Vergegenwärtigung bedeutet das Überspringen von Raum und Zeit.“ (www.mystagogische-kirchenfuehrung.de/altar.php)

Nun vergegenwärtigt sich das einmalige und unüberbietbare Kreuzesopfers Jesu Christi also – mit viel Zeitbezug und politischer Aussage – in einem Boot.

Ist das noch Repraesentatio (Vergegenwärtigung), Memoria (Gedächtnis), Applicatio (Zuwendung) und Instauratio (Erneuerung), als welche das Mess- und Kreuzesopfer Jesu Christi im Konzil von Trient und im Römischen Katechismus näherhin klassifiziert werden? Oder ist das bereits Aktion und politisches Zeichen?

Was dabei verdrängt zu werden und in Vergessenheit zu geraten droht: Die Messe ist die lebendige, objektive [!] Vergegenwärtigung des Kreuzesopfers, eine sakramentale Darstellung desselben. Damit ist gleichzeitig ein objektives Gedächtnis verbunden, in Anlehnung an die Worte Jesu Christi: „Tut dies zu meinem Gedächtnis.“

Nun wird aber dem einmaligen und unüberbietbaren Kreuzesopfer Jesu Christi eine zweite Aussage beigesellt (oder soll ich sagen: übergestülpt?) … Nur wird dadurch irgend etwas klarer, wahrer, wahrhaftiger? Oder geschieht genau das Gegenteil?

„Wer sagt, in der Messe werde Gott nicht ein wirkliches und eigentliches Opfer dargebracht, oder die Opferhandlung bestehe in nichts anderem, als dass uns Christus zur Speise gereicht werde, der sei [aus der Kirche] ausgeschlossen.“ Sagt das Konzil von Trient (DH 1751).

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Pawlowscher Reflex als Gesellschaftsmodell?

Ein Gastbeitrag von Manfred Barnabas Loevenich SJB


PawlowWarum nicht nur Zorn, Ohnmacht, Mitgefühl und Trauer – sondern vor allem der Verstand unsere Gefühle, Gedanken und Handlungen lenken und bestimmen sollten:

»Den Verstand einsetzen!« Das bedeutet eben auch,

– nicht unreflektiert und reflexartig auf Aktionen und Ereignisse zu reagieren, die genau auf eine solche Reaktion abzielen (wie es etwa der Terror seinem Wesen, seiner Absicht und seinen Zielen nach tut; vgl. die Herkunft des Begriffs von der Terrorherrschaft der Französischen Revolution: la Terreur »der Schrecken«),

– sich in seinen Gefühlen, Gedanken, Worten und Taten nicht unkritisch instrumentalisieren zu lassen (denn genau darauf zielen nicht nur der Terror, sondern auch eine manipulative Medienpolitik und die Kaufstrategien unserer Konsumwelt ab; „panem et circenses“ …),

– die Aufgabe, mir ein eigenes, differenziertes Meinungsbild zu bilden (und mir damit einen persönlichen Handlungsspielraum zu erschließen) nicht Anderen zu überlassen: weder den Terroristen, noch den Meinungsmachern, noch der Macht der Bilder, weder den fanatischen Hasspredigern noch den notorischen Beschwichtigern, weder ideologischen Deutungen noch »politisch-korrekten« Rede- und Denkverboten, weder simplen populären Parolen noch verführerischen Verschwörungsthesen,

– die Hoheit über das eigene Fühlen, Denken und Handeln nicht leichtfertig in andere Hände zu geben, indem ich mich von Stimmung und Wunschdenken, Rachephantasien, Angst oder Verdrängung leiten lasse,

– den allzu einfachen Erklärungsmustern zu misstrauen, welche mir von Vertretern und Lobbyisten politischer, wirtschaftlicher oder ideologischer Interessen angeboten werden: von Stimmungsmachern, die auf dem Feuer der Angst ihr eigenes Süppchen kochen, oder von jenen Stimmen, die im Schatten einer Rhetorik der Beschwichtigung, Verharmlosung und Ablenkung ungestört ihre eigenen Interessen verfolgen, von kühlen, pragmatischen »Realpolitikern« und von Propagandisten, die uns (je nach eigener Gewinn- und Verlustrechnung) Notwendigkeiten ein- oder ausreden …

All dem gegenüber: »Den Verstand einsetzen!«

… und das Herz!

… und, sofern man gläubig ist, um Gottes Rat, Beistand und Segen beten!

… und auf diese Weise auch in Distanz zum eigenen (von Wünschen, Vorurteilen, Ängsten etc. bedingten) Dafürhalten treten zu können.

Ist das nur ein frommer Wunsch? HERR, erbarme Dich! Kyrie eleison!

Finsterstes Mittelalter

Gefunden von Manfred Barnabas Loevenich SJB
Bildquelle: Facebook –
Sententiae: Harvard Undergraduate Journal of Medieval Studies

Mittelalter01


Passend dazu: Richtigstellung einiger Mythen über das Mittelalter

Mittelalter00Myths about the Middle Ages

The Flat Earth
Church Suppression of Science
Witch Burning
Bathing and Hygiene
Medieval Technology and Innovation
Medieval Warfare
Further Reading

Hier: What are examples of things that are „common knowledge“ about history that historians almost universally consider incorrect?“

Der heilige Antonius, die Dämonen des Terrors und „das Böse in uns selbst“

Eine Überlegung (Gastbeitrag von Manfred Barnabas Loevenich SJB)

Der Kampf mit den Dämonen – wie er in der vom heiligen Kirchenvater Athanasius von Alexandria verfassten Vita des heiligen Antonius bilderreich beschrieben wird – gehört keineswegs ins Reich der Legenden und Fabeln, sondern ist höchst real.

Die Versuchung des heiligen Antonius

Bild: Hieronymous Bosch, Triptychon mit den Versuchungen des heiligen Antonius (1505-1506), Museu Nacional de Arte Antiga, Lissabon

Auch wenn mir dieser Zusammenhang eigentlich schon länger klar ist, gewinnt diese Erkenntnis doch in der gegenwärtigen, von verschiedenen Terrormeldungen beherrschten Gegenwart, eine neue, höhere Brisanz und einen tieferen Sinn.

Heute las ich von einer Darstellung des israelischen Schriftstellers David Grossman in der französischen Tageszeitung „Libération“ über die Angst, die der Terrorismus verbreitet, die Angst vor dem Bekannten und dem Unbekannten. David Grossman warnt:

„Die wahre zerstörische Macht des Terrorismus besteht am Ende in der Tatsache, dass er den Menschen mit dem Bösen konfrontiert, das sich in ihm selbst verkrochen hatte, mit dem, was tief unten steckt, das Bestialische, das Chaotische. Das gilt sowohl für das Individuum wie für die Gesellschaft. Der Terrorimus im Allgemeinen – und ganz bestimmt derjenige der Attentäter in Paris – sucht nicht den Dialog. Letzten Endes reckt er sein Haupt, um die Gesellschaft niederzuringen.“

Quelle: Facebook: HMK – Hilfe für verfolgte Christen

Ein Grund mehr, dass wir die perfide Methode des Terrors (also des Bösen) durchschauen, der uns dazu bringen will, dass wir uns fürchten – und dass wir unsererseits jene hassen, die wir für unsere Feinde halten oder dies tatsächlich auch sind.

Umso mehr gilt: „Aber ich sage euch, die ihr zuhört: Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen; segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen.“ (Jesus Christus in Lukas 6,27-28)

Denn NUR SO können wir uns der Dynamik, die der Kreislauf des Terrors und des Bösen (auch in uns selbst) darstellt, entziehen und den „Kampf gegen die Dämonen“ gewinnen. Mit der Hilfe Gottes. Anders nicht.

Schon die ach so vernünftige und aufgeklärte Französische Revolution hat ja gezeigt, dass ohne dieses originäre Moment des Christlichen – ohne die Feindesliebe – auch jede „gut gemeinte“ Bewegung am Ende im Bösen endet. Das „regime de la terreur“ der Jahre 1793 und 1794 zeigte dies nur all zu deutlich, ebenso wie viele Bewegungen davor und danach: „Ich weiß wohl – die Revolution ist wie Saturn, sie frisst ihre eigenen Kinder.“ (Georg Büchner, „Dantons Tod“, 1. Akt, 5. Szene)

Terror erzeugt neuen Terror, Angst wiederum Angst, Gewalt neue Gewalt und Hass neuen Hass. DER WEG, aus diesem unseligen Automatismus heraus zu kommen, ist den Christen bekannt … eigentlich.